Seite von HoKuDu bei Facebook besuchenFacebook
  E-Mail
Pan HoKuDu Logo Banner

Was ist Homosexualität ?

Lexika seit Anfang des 20. Jahrhunderts geben hierzu nicht nur vielsagende Antworten sondern erläutern auch die jeweilige Rechtslage:
Meyers Großes Konversations-Lexikon (6. Auflage), 1905-1909 gibt schon einen für die Zeit erstaunlich offenen und differenzierten Überblick:
  « Homosexualität (griechisch-lat.), die geschlechtliche Hinneigung zu Personen desselben Geschlechts, meist auf Grundlage einer angebornen perversen Empfindung, seltener als Folge von Ausschweifungen, so daß ungewöhnliche Reize zu Hilfe genommen werden, um die entnervte Geschlechtssphäre zu erregen. Die männlichen Homosexualen, oft sein entwickelte, ästhetisch hoch kultivierte Personen, kommen in allen Gesellschaftskreisen vor, ihre Neigung zum gleichen Geschlecht ist oft eine rein ideale, und viele leben keusch. Sie betonen, daß sie wohl biologisch, aber nicht ethisch als minderwertig zu betrachten seien. Sie erkennen sich gegenseitig an gewissen Sinnesempfindungen und Bewegungen, sie finden sich zusammen in gewissen Pensionaten, Bädern und halten zuweilen gemeinsame Vergnügungen unter der Maske von Karnevalsscherzen, Damenimitationen, Herrenabenden etc. ab. Ein preußischer Assessor, Ulrichs, schilderte die eigentümlichen Empfindungen und Schicksale dieser »Enterbten des Liebesglückes« in einer Broschüre und brachte für die Homosexualen den Namen Urninge auf (s. ð Urningsliebe). Die Gesetzgebung in Deutschland (§ 175 des Reichsstrafgesetzbuches) und Österreich belegt den Geschlechtsverkehr zwischen Männern mit Strafe, während er zwischen weiblichen Personen vor dem Gesetz nicht strafbar ist. Die weiblichen Homosexuellen sind wohl kaum seltener als die männlichen. Die Liebesbündnisse dieser Tribaden sind durch eine auffallende Neigung zur Eifersucht und durch den Umstand gekennzeichnet, daß auch im äußerlichen Verkehr der eine Teil mehr die Rolle eines Mannes spielt. In weiblichen Strafanstalten sind derartige Bündnisse nicht selten. Versuche, über die Zahl der Homosexuellen annähernd richtige Vorstellungen zu gewinnen, führten übereinstimmend zu dem Ergebnis, daß der Prozentsatz der Homosexuellen etwa 1,5–2 Proz. der Bevölkerung beträgt. Dazu kommen von etwa 4 Proz. Bisexuellen noch 0,7 Proz. überwiegend Homosexuelle. Durch Krafft-Ebing (»Psychopathia sexualis«) ist die H. dem psychiatrischen Verständnis näher gebracht worden; es läßt sich aber nicht leugnen, daß entnervte Genußmenschen das durch derartige Schriften erregte mitleidige Interesse dazu benutzen, sich als geborne Homosexuelle zu gebärden, um ihren unsaubern Lüsten frönen zu können. Neuerdings entwickeln Anhänger der Ansicht, daß die H. auf angeborner Grundlage beruhe, unter dem Namen »wissenschaftlich-humanitäres Komitee« eine lebhafte Agitation, um den § 175 des Deutschen Reichsstrafgesetzbuches zu beseitigen. Vgl. Sexualpsychologie »
Im Gegensatz hierzu bietet Brockhaus' Kleines Konversations-Lexikon in den beiden Ausgaben 1906 und 1911 gerade mal eine knappe Definition des Begriffs:
  « Homosexuéll (homosexual, grch.-lat., »gleichgeschlechtlich«), mit konträrer Sexualempfindung (Liebe zu dem eigenen Geschlecht) behaftet. »
Der Volks-Brockhaus (8. Auflage / Leipzig 1939) liefert unter dem Stichwort "homosexuell" einen bezeichnenden Blick auf die Zeit. Der Verweis auf das Strafgesetzbuch fehlt allerdings und damit auch die Erläuterung, daß die Nazis den § 175 wesentlich verschärft hatten.
    « (griech.-lat. gleichgeschlechtlich), mit einem auf Angehörige des eigenen Geschlechts gerichteten Geschlechtstrieb. Die Schäden homosexueller Betätigung sind neben ihrer Neigung zu seuchenartiger Ausbreitung und zur Bildung von Cliquen aller Art der sittliche Verfall der betroffenen Kreise und die Zersetzung des öffentlichen Lebens, da wichtige Voraussetzungen desselben, die Wertung der Person und ihrer Leistungen, die Besetzung von Stellen, die Anordnung von Schutzmaßnahmen (z.B. einer Vormundschaft) nach sachlichen Gesichtspunkten, in Frage gestellt werden. Im nationalsozialistischen Staat, der ein starkes, sittlich gesundes Volk erstrebt und unbedingte Sauberkeit des öffentlichen Lebens verlangt, wird gleichgeschlechtlicher Verkehr zwischen Männern mit Gefängnis, unter erschwerenden Umständen mit Zuchthaus bestraft. »
In Knaurs Lexikon A-Z (Droemersche Verlagsanstalt, München), Auflage von 1953, findet sich nur eine kurze Definnition und ein Hinweis auf § 175. Unter den Tisch fällt hierbei, daß der erwähnte § 175 in der verschärften Nazi-Fassung weiter Gültigkeit hat.
  Homosexualität [gr.-l.], auf das gleiche Geschlecht gerichtetes geschlechtl. Verlangen. Homosexuelle Handlungen von Männern in Dtschld strafbar (§ 175 StGB).
Das Bertelsmann Volkslexikon (5. Auflage, Gütersloh 1956,1957) bleibt beim Stichwort "Homosexualität" genau so kurz, knapp und ignorant bzgl. des § 175 wie Knauers Lexikon 1953..
  « Umkehrung des Geschlechtstriebes, die als Zuneigung zu Personen des eigenen Geschlechts erscheint; Ausübung der Homosexualität zwischen Männern wird in der BRD nach §175 StGB mit Gefängnis bestraft. »
Das DTV-Lexikon (Band 9 der Ausgabe in 20 Bänden, München 1973, Copyright 1966) schreibt zwar ausführlicher aber immer noch ziemlich daneben und geht auf die Rechtslage ein:
  « (griech.-lat. Kunstwort), die gleichgeschlechtliche Liebe. Sie ist meist lebensgeschichtlich (starke Bindung an den andersgeschlechtlichen Elternteil in der Kinheit, Versagen beim ersten Geschlechtsakt, u.a.) und nur selten anlagebedingt und gilt daher als in der Regel rückbildungsfähige Störung (-> lesbische Liebe, -> Päderastie, -> Perversion)).

Rechtliches. Durch das 1. Strafrechtsreformgesetz vom 10.5.1969 wurden die bisherigen §§ 175, 175a StGB aufgehoben. Die einfache Homosexualität ist danach nicht mehr strafbar. Unter Strafe gestellt sind lediglich noch die schweren Formen der Homosexualität: Unzucht mit Abhängigen oder Jugendlichen, gewerbsmäßige Homosexualität. In Österreich wird die Homosexualität gleichviel, ob zwischen Männern oder Frauen, mit schwerem Kerker bestraft (§§ 129, 130 StGB). Das schweizerische StGB (Artikel 194) bestraft nur gewerbsmäßige oder die unter Mißbrauch eines Abhängigkeitsverhältnisses begangene Homosexualität. »
Meyers Großes Taschenlexikon (Band 10 der Ausgabe in 24 Bänden, Mannheim/Wien/Zürich 1983) gibt schon einen ausführlichen Überblick über das Thema:
  « (Homophilie, gleichgeschlechtliche Liebe, Sexualinversion), sexuelles Verlangen nach geschlechtl. Befriedigung durch Personen des gleichen Geschlechts; H. bei Frauen wird auch lesbische Liebe, Sapphismus, Tribadismus oder Tribadie gen., bei Männern auch Uranismus (Sonderform Päderastie). Von den Homosexuellen werden als sexuelle Praktiken am häufigsten gegenseitige Masturbation, Fellatio bzw. Cunnilingus angewandt, von männl. Homosexuellen zudem analgenitaler Verkehr. Nicht selten bestehen homo- und heterosexuelle Neigungen (mit Überwiegen dereinen oder anderen) nebeneinander (-> Bisexualität). Nach einer Untersuchung des amerikan. Sexualforschers A. C. Kinsey verfügt etwa die Hälfte der erwachsenen Bev. der USA über homosexuelle Erfahrungen. Nach der Theorie der Psychoanalyse wird die Disposition zur H. während der frühesten Phasen der Mutter-Kind-Beziehung und durch eine bes. Ausprägung dieser Beziehung gelegt. -Die moderne Sexologie befurwortet eine neutrale Bewertung der H., die insbes. den Verzicht auf sexuelle Umorientieruhg zu heterosexuellem Verhalten einschließt. Ethnolog. Untersuchungen ergaben, daß H. auch bei Naturvölkern praktiziert wird; dort ist sie zuweilen (bei manchen Völkern sogar überwiegend) mit kult. und rituellen Funktionen verbunden (u. a. beim Schamanismus).

Nachdem H. lange Zeit sozial geächtet war und die strafrechtl. Verfolgung die Homosexuellen gesellschaftl. isoliert hatte, haben die Reform des § 175, Aktivitäten der Homosexuellen selbst (Zusammenschlüsse, Gründung von Homosexuellenzentren; insbes. Einflüsse aus den USA) sowie z. T. eine krit. Aufklärung in den Medien (Filme, Schriften, Illustriertenserien) eine allmähl. Emanzipation der Homosexuellen eingeleitet, die langfristig die geseIlschaftl. Vorurteile über die H. abbauen konnte. Die moderne Sexologie sieht in der dennoch weiterbestehenden Diskriminierung der H. ein Abreagieren von Unlustgefühlen, die aus der Verdrängung homosexueller Neigungen in der Sexualität jedes Menschen herrühren und gegen die Homosexuellen als "Sündenböcke" gewendet werden. Sie zwingt den größten Teil der Homosexuellen weiterhin, ihre Sexualität der Gesellschaft gegenüber zu verheimlichen. Homosexuelle Partnersuche ist somit meist nur im Bereich einer eigenen Subkultur möglich. Die Ghettosituation sowie eine oft anzutreffende Verinnerlichung der eigenen Diskriminierung und damit verbundene Wendung gegen sich selbst finden ihren Ausdruck in einer stark ausgeprägten Beziehungslosigkeit innerhalb der homosexuellen "Subkultur".

Geschichtl. nachweisbar ist die H. bis in die frühe Antike. Homosexuelle Beziehungen zw. männl. Erwachsenen und Knaben im Reifealter wurden im alten Griechenland nicht nur sozial gebilligt, sondern in den dor. Staaten im 4.Jh.(bei dem Versuch, die überholte Kriegergesellschaft zu konservieren) ausdrückl. legalisiert. Das A. T. (3. Mos. 18, 22 und 20, 13) wie auch das N. T. (z.B. Röm. 1,26 und 27; z. T. unter Umdeutung der Sünden Sodoms) verurteilten die Homosexualität. In Rom wurde bereits in der republikan. Zeit H. mit Strafe bedroht, der Codex Theodosianus (390) sah für die Ausübung der H. den Feuertod vor. Die Scholastik, bes. Thomas von Aquin mit seinen Ausführungen über die "Sünden gegen die Natur", hat die H. als Sünde klassifiziert und damit kirchI. und weltl. Recht für Jh. bestimmt. Die Carolina (1532) bedroht H. unter beiden Geschlechtern mit dem Feuertod, das gemeine Recht schließt sich hier an. Noch das Allg. Landrecht [für die preuß. Staaten] (1794) verlangt die "gänzl. Vertilgung des Andenkens" bei "dergleichen unnatürl. Sünden". Das moderne Strafrecht beurteilt H. unterschiedlich, der Code civil (1804) stellte nur qualifizierte Tatbestände (unter Gewalt, Verführung, Autoritätsmißbrauch) unter Strafe, während die brit. Gesetzgebung (1861, 1885) auch H. unter erwachsenen Männem als Straftatbestand kennt.

In zahlr. dt. Ländern war der homosexuelle Verkehr zw. erwachsenen Männem bis 1871 nicht strafbar. Eine Änderung ergab sich erst mit Einführung des Reichsstrafgesetzbuches (RStGB) vom 15. 5. 1871. Dieses enthielt in §175 urspr. folgende Bestimmung: "Die widernatürl. Unzucht, welche zw. Personen männl. Geschlechts begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen ...". Diese Bestimmung wurde in Literatur und Rechtsprechung ausschließI. dahingehend ausgelegt, daß sie allein beischlafsähnl. (orale und anale) Handlungen unter Strafe stelle. Durch den in der Strafrechtsnovelle vom 28. 6. 1935 neu gefaßten § 175 war die Strafbarkeit der männl. H. nicht mehr auf [beischlafsähnl.] Handlungen "zwischen" Männern beschränkt, sondern wurde auf jede Unzucht "mit" einem anderen Mann ausgedehnt. Gleichzeitig wurden in § 175a vier qualifizierte Formen der männl. H. als Verbrechen unter Strafe gestellt (Zuchthaus bis zu zehn Jahren).

In seiner neuen Fassung galt § 175 (und § 175a) nach Inkrafttreten des GG als Bundesrecht weiter. Für eine Gesetzesänderung trat nach dem 2. Weltkrieg zuerst die Dt. Gesellschaft für Sexualforschung ein. Das 1. StrafrechtsreformG vom 25. 6. 1969 enthielt auch eine Änderung des § 175. Seine heute gültige Fassung erhielt er im Rahmen der Neuordnung des gesamten Sexualstrafrechts durch das 4. StrafrechtsreformG vom 23. 11. 1973. Danach wird mit Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wenn ein über 18 Jahre alter Mann mit einem Mann unter 18 Jahren sexuelle Handlungen vornimmt oder von diesem an sich vornehmen läßt.

Österreich hat die Strafbarkeit homosexueller Beziehungen zw. Erwachsenen erst im Aug. 1971 aufgehoben. Im übrigen gilt das zum dt. Recht Gesagte.

In der Schweiz fehlte bis zum Inkrafttreten des schweizer. StGB am 1. 1. 1942 eine einheitl. Regelung der Strafbarkeit homosexueller Handlungen. Die in Art. 194 des schweizer. StGB getroffene Regelung erfaßt die männl. und die weibl. homosexuelle Betätigung. Mit Strafe (Gefängnis) bedroht wird, wer eine unmündige Person gleichen Geschlechts im Alter von mehr als 16 Jahren zur Vornahme oder zur Duldung unzüchtiger Handlungen verführt oder wer von einer Person gleichen Geschlechts durch den Mißbrauch ihrer Notlage oder ihrer durch ein Amts- oder Dienstverhältnis oder auf ähnl. Weise begründeten Abhängigkeit die Duldung oder die Vornahme unzüchtiger Handlungen verlangt oder wer gewerbsmäßig mit Personen gleichen Geschlechts unzüchtige Handlungen verübt.

Literatur: Masters, W. H./Johnson, V: H. Dt. Übers. Bln. 1980. - Bell, A..P./Weinberg, M. S.: Der Kinsey Institut Report über weibl. u. männl. H. Mchn.1979. - Hohmann,J. S.: H. u. Subkultur. Lollar bei Gießen 1976. - Schroeder, F. C.: Das neue Sexualstrafrecht. Hdbg. 1975. - Socarides, C. W. Der offen Homosexuelle. Dt. Übers. Ffm. 1971. »
Computer-Lexika wie z.B. Encarta bieten heute umfangreiche und differenzierte Erläuterungen zum Thema Homosexualität. Diese hier wiederzugeben würden den Rahmen sprengen.

Wichtig ist auch, daß sich die rechtliche Situation Homosexueller in den letzten Jahren vor allem in Europa rasant verbessert hat. Das reicht von der Streichung von Sonder-Strafrechtsparagraphen wie dem § 175 bis zur Ehe (z.B. in Form der eingetragenen Partnerschaft ).

HoKuDu HoKuDu - E-Mail   -   Homepage: www.hokudu.de
Letzte Änderung: 27.03.2013
1998-2017 © PiWo Design

Hast Du Ideen, Kritik oder Anregungen? E-Mail uns! Wir sind nicht kommerziell und unser Team arbeitet ehrenamtlich.

Alle Rechte für die hier verwendeten Grafiken und Bilder liegen bei den jeweiligen Eigentümern. Ein Teil des Bildmaterials stammt aus dem Internet.
Sollten durch die Verwendung auf dieser Site Urheberrechte verletzt werden, so bitten wir um entsprechende Nachricht.
Die Grafiken und Bilder werden dann aus den entsprechenden Seiten entfernt.